Rezensionen

ARTige Literatur in der Jazz-Schmiede

von Stella Volkenand

Sonntag, den 21. November, begann der Anfang vom Ende. Die Vorstellung der Literatursparte ist der vorletzte Programmpunkt des diesjährigen ARTig-Festivals. „Der Anfang vom Ende“, das klingt viel zu negativ als Beschreibung für die Lesung, die um 13 Uhr in der Jazzschmiede startete. Ausgerüstet mit Croissants (von Projektkoordinatorin Muna Zubi selbst verteilt) und Milchkaffee hatten es sich etwa 70 Zuschauer gemütlich gemacht, um der in der siebten ARTig-Runde entstandenen Literatur zu lauschen.

„Wir machen keine Pausen, also haben wir nichts dagegen, wenn Sie sich zwischendurch etwas zu trinken holen.“

Als die Literaturmentorin Pamela Granderath den Zuhörern dieses Geständnis machte, ahnte ich Schlimmes. Würden nun alle drei Minuten Handys klingeln, Raucher an die frische Luft schlurfen und halblaut geflüsterte „Bring mir einen O-Saft mit, wenn Du zur Theke gehst!“ stören? Nein! Ziemlich genau 90 Minuten verfolgten die Zuschauer gespannt, was auf der Bühne stattfand. Dabei gab es, bis auf eine an die Leinwand geworfene „Lichtmalerei“ keine spektakulären Special Effects. Nur die jungen Literaten, ein Mikrofon und ihre Geschichten, aber das reichte mehr als aus.

Den Auftakt machte Justus Otrembah-Conteh mit einem Auszug seiner Erzählung „Mein Leben als Frosch“. Distanziert und unaufgeregt berichtete er von der Zeit, in der er als Frosch verkleidet in der Düsseldorfer Altstadt Werbung für ein Stoffgeschäft machte. Dabei durchlief er ein Potpourri der Erzählweisen. Beinahe soziale Studien über die Passanten wurden abgelöst durch emotionale Schilderungen verpasster Chancen (hätte er seinem vergötterten Deutschlehrer die grüne Flosse zum Gruß entgegenstrecken sollen?). Teilweise war Julius‘ Stil auch spitz, wenn er vom „Besuch der alten Dame“ oder dem täglich lärmenden Sinti-Orchester erzählt.

Gewinner in der Kategorie „gechillteste Erzählweise bei radikalster Wortwahl“

Nach Justus war ein alter ARTig-Hase an der Reihe. Pamela Granderath bezeichnete sie als „literarisch hyperaktiv“ und kündigte so Monika Malczewksi an. Ihre Themen waren Jugend und die deutsche Sprache. Diese Motive leitete sie mit einer Vorstellung der TopTen der neuen Jugendwörter ein und schloss mit der These: „Wir Jugendlichen können nicht nur saufen und rauchen. Wir sind keine Atzen. Wir sind Hochleistungsatzen.“ Sie trug zwei Texte vor, die irgendwo zwischen Lyrik und Essay lagen. Schönstes Zitat: „Im Deutschen kann man seine Liebe entdecken, beweisen, bestärken …“

Gewinnerin in der Kategorie „Sprachrausch und Verzückung für Wörter hervorrufen“ außerdem für „Produktivität“ (Monika hat in den letzten halben Jahr einen Jugendroman geschrieben und in der Theatersparte mitgewirkt. Ohne dass es ihrem Literaturprojekt geschadet hätte.)

Nadine Horn kam auf die Bühne, lächelte schüchtern ins Publikum, verkündete, sie würde ein Märchen vortragen – und dann legte sie los. Sie verwandelte sich in sekundenschnelle in eine eiskalte Königin, in einen einfältigen Jäger ohne Gefühle und in eine uralte Sumpfhexe. Besonders gut gelang Nadine der unheimliche Singsang der Hexenflüche. Die Stimmvielfalt und die wunderschön ausfabulierte Geschichte machten ihren Auftritt zu einem Vorlese-Erlebnis, wie es seit Kindertagen wohl niemand in der Jazzschmiede gehabt hatte.

Gewinnerin in der Kategorie „Zuhörer alles um sich herum vergessen lassen“

Verschiedene Rollen sprach auch Susanna Ott. Sie erzählte eine Liebesgeschichte aus der Sicht verschiedener Alltagsgegenstände. So kam mal SEIN leicht prolliger Haustürschlüssel zu Wort, der sich über den Neuen (IHREN Ersatztürschlüssel) am Schlüsselbund ärgert, mal IHR überhebliches Handy, das alle gesendeten und gelöschten SMS kennt, und mal der Rauch SEINER Zigaretten, die ER ansteckt, um über das unangenehme Schweigen am Ende der Beziehung zu überbrücken.

Gewinnerin in der Kategorie „ungewöhnlichste Geschichte, kurzweiligster Auftritt“

Anfang vom Ende? Eher würde ich das Fazit der TV-Spielfilm zum neuen Harry-Potter-Film verwenden: „Gelungener Auftakt des Finales“: alle Zuschauer wurden verzaubert, ganz ohne Magie.