Von Matthias Conrads
Ein gewisser Herr Müller hat im Spiel um Platz 3 bereits das 1:0 für Deutschland geschossen, als Organisator Eckart Schulze-Neuhoff das zehnte Konzert der 440Hz-Reihe im Robert-Schumann-Saal anmoderiert. Die anwesenden Gäste dürfen bereits jubeln, noch bevor Dirigent Alexander Shelley seine Schumann Camerata vorstellt und den Abend einleitet. Gerade als Engländer sei er besonders froh, dass das deutsche Publikum sich an diesem Abend dazu entschieden habe, kein Fußball zu gucken. Am Ende des Abends wird der Großteil des Publikums mit ihm in diesem Punkt übereinstimmen – auch wenn das Spiel Gerüchten zufolge eines der unterhaltsamsten der WM 2010 war.
Am linken Rand der Bühne sind drei graue Laptops einer bekannten kalifornischen Computerfirma aufgebaut. Drumherum ein Keyboard und zahlreiche Mischpulte. Die restlichen drei Viertel der Bühne nimmt die Schumann Camerata ein. Zentral, wie es sich für den Dirigenten gehört, steht Shelley im schlichten, eng anliegenden weißen T-Shirt. Nach der Ouvertüre gesellen sich Blank&Jones an die bereitstehenden Notebooks und liefern fortan elektronische Klänge, die perfekt mit dem Orchester harmonieren.
Das DJ- und Produzenten Duo aus Köln hat sich in den vergangenen Jahren einen sehr guten Namen in der weltweiten Trance-Szene gemacht. Seit einiger Zeit veröffentlichen sie ihre Werke auf einem eigenen Label mit dem vielsagenden Namen „Relax“. Die folgenden anderthalb Stunden sind dann auch wahrlich Entspannung pur in einem sehr gut klimatisierten Robert-Schumann-Saal, der einen die Hitze vor der Tür vergessen lässt. Die DJs und das Orchester sind zu keiner Zeit von einander getrennte Entitäten. Auch wenn ein elektronisches Stück zu Beginn einmal ohne Orchester auskommt, so gibt es doch immer wieder Übergänge, Einschübe von Pauken, tiefen Streichern, Geigen etc. Meist – und hier outet sich der Rezensent als Klassik-Laie – fällt es zunächst gar nicht auf, dass plötzlich Live-Instrumente eingesetzen. Bei anderen Stücken beginnt das Orchester und nach und nach gesellen sich elektronische Klänge hinzu. Die Akustik im Schumann-Saal ist wie immer hervorragend und es ist ein Fest, sich auf einzelne Instrumente zu konzentrieren oder aber sich von der Kraft der Gesamtkomposition gedanklich an einen Südseestrand entführen zu lassen und den Sonnenuntergang zu beobachten.
Shelley und Blank&Jones geht es bei ihrer Zusammenarbeit in erster Linie darum – und so ist das gesamte 440 Hz Konzept zu verstehen – den Respekt an der Musik des Anderen zu zeigen. Trance sei sehr nah an der Klassik, sagt Shelley, was er beweist durch eine seiner klassischen Partituren zu einem der Blank&Jones Stücke. Die Musikrichtungen haben auf vielen Ebenen die gleichen Themen, und sicherlich die gleiche Wirkung. Über den Abend verteilt kommen die Zuhörer in den Genuss, Abwandlungen von <i>City of Angels</i> aus dem Mullholland Drive-Soundtrack zu hören, sowie Ravel, Edward Elgar, <i>Cantus in Memoriam Benjamin Britain</i> und natürlich elektronisch dominierte Stücke der Kölner DJs.
Deutschland holt sich den dritten Platz, berichtet Jan Pieter Blank zwischendurch. Aber der Jubel darüber brandet nur kurz und gedämpft auf. Zu sehr ruht das Publikum in sich. Zu sehr ist es den Melodien verfallen. Zu sehr wünscht es sich an einen Strand, ein Cocktail in der Hand, den Sonnenuntergang betrachtend. Draußen tobt eine Fußball WM?! Es scheint nicht weiter von Belang zu sein. Relax!




