Alle meine Schweine
26.11.2009 18:15h
von Anne Winterhager
Inszenierung: Anne Winterhager & Philipp Basener
Dramaturgie: Violaine Kozycki
Wie fühlt es sich also an die Tochter
zweier zufällig gestrandeter Aliens aus dem All zu sein die sich perfekt fügen und in der Medienbranche landen?
Maja Schönbach - Anja Kunz
Vater Christian 'Wilder Hirsch' Schönbach - Lars Rennert Mama Moni 'Rehlein' Schönbach - Philipp Basener Das Schwein Herr Wallenstein - Jan Hecht Der Kreidezirkel Constantin Uhlen - Philipp Basener Omimi - Jan Hecht
Constantin A. - Tim Weskamp
Constantin B. - Alexander Eißner
Constantin C. - Markus Schner
Constantin JayJay - Davis Adewuyi
Nike die Gottheit - Melanie Maxstadt
BRUNFTanonym
John Tanzbrunnen & Kreativ Ozelot
Junges Schauspielhaus / Bühne
Rezension
Geschrieben von:
Antonia Alessia Virginia Beeskow
Provokant. Ehrlich. Anti-Rassistisch. Sittenwidrig. Geil.
Die Bühne gleicht einem Schweinestall, in dem die Protagonisten aufeinander treffen und sich in ihrem eigenen Dreck suhlen. Zu seichter Popmusik tritt Mama Moni – gespielt von einem Jungen – ein, wirft Küsschen hier, Küsschen da ins Publikum und sonnt sich im Scheinwerferlicht. Staunend verfolge ich, wie man auf diesen doch sehr hohen Schuhen gehen kann (einige "echte" Frauen wären daran kläglich gescheitert). Moni sieht Christian, ihren sadistischen Ehemann, der ihr gesteht, dass er sie nicht (mehr) liebe. Christian erfreut sich nicht nur an dem Leiden seiner neurotischen Ehefrau, sondern auch von seiner Tochter Maja – "Oma ist der einzig echte Mensch, denn sie hat so eine warme Haut", äfft er sie mit gekünstelter Stimme nach.
Maja ist sechzehn/siebzehn. Maja hat eine Affäre mit ihrem Lehrer Wallenstein, den sie nach ihren Launen liebt und hasst. Maja ist schön, blond und dumm. Vor allem aber hat Maja Probleme. Probleme mit ihren Eltern, weil die nichts sagen, alles okay finden, sogar wenn sie wieder einmal Valium zur Beruhigung nimmt. Ihre Kindheit vergeht in Zeitraffer, doch keine Spur von Zuneigung oder gar Liebe. Deswegen flüchtet sie sich in die Provokation und lebt frei nach dem Motto "Sex, Drugs and Rock 'n' Roll".
Schon nach wenigen Minuten des Zusehens wird mir klar, diese Leute sind krank. Christian strippt zu schnellen Technobeats bis er nur noch in Unterhose als Superman in Eierkneifern dasteht. Maja macht Wallenstein zu ihrem Schwein. Sie verteilen Flugblätter im Park, wo sie Majas Vater, nun zum Hund geworden, begegnen und Kreidezirkel, dem Superbonzen, der gegen Bildungsstreik und für Studiengebühren ist. Er und Maja gefallen sich sofort.
Auf einer Tschernobyl-Motto-Party wird Maja von lauter Constantins heftig bedrängt, ganz dem Leitspruch folgend: "Ficken, Vögeln, Capri-Sonne!" Ihr Papa schaut verdutzt zu. Dieser Höllentrip erreicht seinen Höhepunkt, als Maja beim Flaschendrehen "mit Ficken" ausgewählt wird. Die Party ist ein einziges Fiasko und endet darin, dass Maja sich lauter bunte Pillen einwirft. Schwein Wallenstein wird angespuckt und verliert sich in seinem eigenen Leid und Wehklagen.
Wie aus einem Albtraum wird der Zuschauer aus dem Geschehen gerissen, als plötzlich Omimi, die asoziale Oma "mit der warmen Haut", zu ihrem Geburtstag im Rollstuhl angefahren kommt und laut rumkrakelt, was für ein Saustall das hier sei, und schließlich, dass sie sterben wolle. "Maja hat gestern eine Party gefeiert", versucht sich Moni zu verteidigen. Maja stolpert noch in Trance durch die Szenerie, singt zu laut und zu wild ihrer Oma ein Ständchen und endet in einem hysterischen Lach- und Weinanfall. Zum ersten Mal scheint ein Hauch von Zuneigung und Liebe den Dunst aus Schweiß und Dreck zu durchdringen.
Maja und Wallenstein finden sich nicht wieder: Kein Happy End. Kreidezirkel findet Maja am Boden, sie sehen, lächeln sich an: Happy End?
"Alle meine Schweine" lässt auf dramatisch zugespitzte Weise unser Spiegelbild aufleuchten. Natürlich läuft nicht jeder Papa in Superman-Unterwäsche herum, nicht jede Mama ist ein Mann, aber wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, dass seine Eltern einfach nur weggingen, weil man sie nicht mehr ertragen kann? Wer hat denn noch nie deutlich überzogen mit Alkohol, Drogen, falschen Freunden?
"Alle meine Schweine" hat mich geschockt. Nicht weil halbnackte Männer über die Bühne gehüpft sind und das Mädchen so alt ist wie ich, sondern weil "Alle meine Schweine" sehr ehrlich war und gezeigt hat, was für "Schweine" wir doch (manchmal) sei können.
Kommentar
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