Cosmic Epsilon
31.05.2009 20:30h
Architektin Juva möchte ein Dorf für sich und ihre Freunde aufbauen und hat eigentlich alles dazu Notwendige, außer die Freunde. Dass sie sich auch noch in einen Mann mit zwei Gesichtern verliebt, macht die Situation nicht besser. Juvas drei sprechende Schildkröten philosophieren derweil über Einsamkeit, Videospiele und den Weltraum und begegnen dem Flaschengeist Dr. Bird und dem Vampir Cookie, der als Fahrkartenkontrolleur arbeitet.
Eine Produktion des Looters-Ensembles
Mit: Ana Maria Gonzalez, Sven Tillmann, Falk Merlin Grossmann, Alin Ivan, Lisa Stapelfeldt, Moritz Schulze, Anne-Marie Lux
Aufführungstermine Theatermuseum Düsseldorf: 1.4., 8.4., 22.4., 5.5., 13.5., 31.5., jew. 20:30h
Internetseite des Ensembles: www.thelooters.de
Quelle: http://www.thelooters.de
Foto: David Ciernicki
Rezension
Geschrieben von:
Katja Panyutina
Was passiert, wenn sich ein ein Impfvampir und ein Mann mit zwei Gesichtern, der gerade sein böses Gesicht aufsetzt, treffen? Dann kommt folgender Dialog zustande:
„Ja, ich bin ein Impfvampir. Ich sauge kein Blut, sondern spritze meinen Opfern etwas in die Adern. Etwas Schönes, etwas Selbstbewusstseinssteigerndes“ „Ist das irgendeine schwule Masche, um Heroin zu verticken?“
So oder ähnlich skurril präsentieren sich die Figuren in Cosmic Epsilon, dem Stück des Looters-Ensembles. Philosophierende Schildkröten, Flaschengeister mit Hang zu Aerobicübungen, freundliche Vampire, die als Fahrkartenkontrolleure in der U-Bahn arbeiten, geldgierige Wetterverkäufer mit zwei Gesichtern, vom Leben enttäuschte Passagiere und in all dem Chaos die Architektin Juva, die ein Dorf für sich, ihre Schildkröten und noch nicht vorhandene Freunde bauen will. Dass sie am Ende noch einsamer sein wird, als zu Beginn, das ahnt sie noch nicht, als sie optimistisch ans Werk geht.
Cosmic Epsilon ist ein rasantes Stück, an dessen Ende man sich irgendwie der Tragikomik des Lebens bewusst wird. Ein Stück, dessen Figuren man wegen ihrer unverwechselbaren Macken ins Herz schließt. Denn sie sind so schön überzogen (aber keineswegs einseitig) in ihrem Verhalten, ihren Gesten und ihrer Mimik, dass man fast bei allen Szenen lachen muss.
Allein schon wenn sich unser Impfvampir (klassisch im Schaffneroutfit, aber mit Dracula-Umhang) hinter seinem Umhang heranschleicht, diesen theatralisch zur Seite schwingt und ein klassisches, pseudo-gruseliges „Hallo!“ von sich gibt, kann man sich vor Lachen kaum halten. Außerdem hat jeder von ihnen (auch wenn sie größtenteils keine Menschen sind), Träume und Ängste, die jeder von uns kennt. Liebe, aber auch Geld und Macht, Angst vor Einsamkeit und Enttäuschungen. Das macht sie so unfassbar sympathisch, ebenso wie die Tatsache, dass sie sich mit ihren Gefühlen und Gedanken oft an den Zuschauer wenden – sprechend oder singend.
Ja, in dem Stück wird sogar live gesungen, und die eingespielte Musik, die die Atmosphäre der Szenen perfekt unterlegt, ist vom Ensemble selbst komponiert. Ebenso begeistern hier die Bühnenausstattung und die Kostüme. Auf einer schlichten Bühne (zwei schwarze Wände an den Seiten, hinter denen die Figuren hervorkommen und eine beleuchtete Mitte) bilden z.B. die auf Hockern sitzenden Schildkröten als Zuschauer und Kommentatoren des Geschehens perfekt gestaltete Farbtupfer.
Denn jede Schildkröte hat sozusagen ihre eigene Farbe, die sowohl ihr Interessengebiet als auch ihren Charakter untermauert. Der melancholische und vom Weltall begeisterte Taikonaut sitzt in einem blauen Kostüm auf einem blauen Hocker und hat um sich herum blaue Sachen verteilt – einen blauen Regenschirm, Astronomiebuch und anderes Zeugs. Er träumt davon Astronaut zu werden. Pianzi, die ein klein wenig aggressive und pseudo-coole Gamer-Schildkröte ist ebenso wie ihr Hocker und die persönlichen Sachen (z.B. das Gamer-Magazin und ein Pokéball(!) - ja so etwas gibt es noch!) in rot gehalten. Ihr Traum ist eine Spielhalle - nein, eine „Spiel-Hölle“, die sie als Herrscherin regiert. Und zum Schluss ist da noch die naive und fröhliche Etiquette (ganz in grün), die glaubt, Sonnenstrahlen würden für Träume sorgen, und davon träumt, ein eigenes Theaterstück aufzuführen.
Aber diese Träume und auch die der andern Charaktere werden später fast allen zum Verhängnis. Und obwohl sie alle einsam durch die Bühnenwelt irren und ihre Treffen meist reine Zufälle sind, ist das Schicksal jedes Einzelnen von ihnen unweigerlich mit dem der anderen verbunden. Und hier liegt die eigentliche Tragikomik des Stückes: obwohl die Charaktere mit ihren Dialogen und Geschichten fast jedes Mal einen Angriff auf die Lachmuskeln des Zuschauers starten, rennen sie alle ins Unglück. Denn als alle Wünsche miteinander kollidieren, kommt es zu einer Kettenreaktion und dem darauf folgenden Massensterben, nach dem die drei übrig gebliebenen Figuren enttäuscht und verwirrt auseinander laufen. Unter ihnen Juva, die nicht nur von der Liebe enttäuscht wird, sondern auch ihre drei Schildkröten verliert.
So breitet sich vor dem Zuschauer eine große Collage aus, die die Figuren unweigerlich miteinander verbindet. Eine Collage aus Charakteren, ihrem Leben und ihren Zusammentreffen. Es ist ein urkomisches Gesamtwerk mit einem traurigen Ende, skurril-sympathischen und einfach wunderbar gespielten Figuren, toller Optik, viel Spaß und so einigen nachdenklichen Momenten. Zum Nachdenken bleibt dem Zuschauer aber leider kaum Zeit, denn das Stück ist rasant und die Denkansätze sehr dicht aneinander gereiht. Das sorgt einerseits natürlich für viel Spannung und treffenden Humor, macht aber die Reflexion über das Gesagte schwierig.
Doch sogar dieser Kritikpunkt wird in einem Dialog des Stückes humorvoll vorweggenommen: „Ähm, sagen Sie, wann kommt eigentlich die Haltestelle Pseudointellektuelles Theater?“ „Die haben Sie leider verpasst. (…) Aber als nächstes kommt die Haltestelle Kokolores. Umsteigemöglichkeiten in Richtung Unfug, Quatsch und Nonsens."
Kommentar
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