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Frühlings Erwachen! (Live Fast - Die Young)

06.03.2010 19:30h


Schule und Eltern bestimmen den Alltag von Moritz, Melchior, Wendla und den anderen. Hier wie dort werden sie wie Kinder behandelt. Aber das wahre Leben beginnt für die Vierzehn- bis Sechzehnjährigen am Freitagabend, und die Freiheit dauert immer nur ein Wochenende lang. Moritz lernt bis zur Erschöpfung, um seine Versetzung nicht zu gefährden und seinen strengen Vater nicht zu enttäuschen. Doch ständig denkt er an Mädchen, die ihn zutiefst verwirren, und seine Zukunft erscheint ihm mehr als ungewiss. Moritz versucht sich Melchior mitzuteilen, doch der versteht ihn nicht. Melchior ist der Klassenbeste, seine Eltern vertrauen ihm, er hat allen Freiraum, die Geheimnisse der Liebe zu erforschen. Er trifft sich heimlich mit Wendla und schläft mit ihr. Wendla wird schwanger, Moritz schafft die Versetzung nicht und begeht Selbstmord. Melchior flüchtet – vor Wendla, der Verantwortung und der Trauer um seinen Freund. Mit dem Wunsch, alles hinter sich zu lassen, tut Melchior den ersten Schritt in sein eigenes Leben.

Wedekinds Klassiker als Gegenwartsstück: Nuran Calis bleibt mit seiner Fassung nah bei Wedekinds Figuren und ihrer Geschichte, orientiert sich aber an der Lebenswirklichkeit von heute.

Quelle und Bildnachweis: http://www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

Rezension

Geschrieben von: Elisabeth Fast

4 Sterne

Die Pause wird von nur einem Thema beherrscht. Nach dem Stück, auf dem Weg zur Bahn, das gleiche: „Zieht er sich einfach aus! Ich dachte, er lässt wenigstens die Boxershorts an, aber nein ...!“

Den abgebrühten Theaterbesucher schockt das, zumal in Düsseldorf, nicht mehr. In diesem Haus, in diesem Stück ist diese Reaktion durchaus akzeptabel. „Frühlingserwachen“ ist ein klassisches Stück für die Adoleszenz, entsprechend rege besucht ist es von schwerst pubertierenden Schulklassen aller Couleur.

Für diesen Theaterbesuch heißt es ganz klar: Fünfzehn sein! Und wenn man es eben nicht mehr ist, sich trotz-dem darauf einlassen. Hier werden Fragestellungen ausgehandelt, über deren Antworten man irgendwann einfach aufhört nachzudenken: Was bringt mir die Zukunft? Wird wohl aus mir irgendetwas? Werde ich Kinder haben? Werde ich überhaupt jemals ein Mädchen küssen?

Kurz zur Handlung: Es geht um sechs Jugendliche, drei Mädchen und drei Jungs, alle mehr oder weniger exzessiv pubertierend. Moritz, der Freak und Träumer, ist schlecht in der Schule, schreibt Gedichte und will lieber Taucher werden. Wendla, deren „Körper schneller erwachsen wird als ihre Seele“ (Zitat Wendlas Mutter), die Party macht, raucht, ausbricht aus ihrem wohlbehüteten Zuhause – und am Ende schwanger wird, mit nicht mal fünfzehn. Hans, der coole Traceur (ja, das Stück ist, stellenweise ziemlich gelungen, adaptiert) und Ilse, die in ihrer Klischee-Haftigkeit mit viel Positivität und Witz überrascht, sind beide Karikaturen von Fünfzehnjährigen, übertrieben, überzogen – und darin sehr überzeugend. Martha wird von ihren Eltern mies behandelt und geschlagen, hat deshalb kaum Selbstvertrauen, dafür aber jede Menge Wut, Trauer und Aggressivität in sich. Melchior ist der Vater von Wendlas Baby, gleichzeitig Moritz‘ bester Freund – und zutiefst traurig als Moritz sich am Ende das Leben nimmt.

Alles, was im Stück passiert, ereignet sich im sozialen Feld zwischen den Hauptfiguren. Es geht um Liebe, auch um Sex. Eltern und die Beziehungen zwischen ihnen und den Kindern spielen noch eine entscheidende Rolle. Entweder Eltern, die sich – freilich aus Kindersicht – zu viel kümmern, wie Wendlas Mutter. Oder Eltern, die sich zu wenig kümmern, wie im Falle von Martha.

Eine gute Idee ist das Programmheft zum Stück, das neben Ausschnitten aus Dialogen auch themenbezogene Zeitungsartikel, Geschichten und Abhandlungen bietet und damit die Charaktere kontextualisiert und zugänglich macht. Diese bekommen, wie die Geschichte selbst, dadurch Tiefe und machen mehr Spaß. Ebenso Spaß machen die Videoclips, die immer wieder während des Theaterstücks auf das Halbrohr (ich dachte ja zuerst: Halfpipe) projiziert werden, ein dominantes Stück Bühnenbild, welches den Jugendlichen als Treffpunkt dient. Die Videos von Vadim Bershak schaffen nicht nur Kontext, sondern ermöglichen auch Szenen, die auf der Bühne nicht denkbar wären, so zum Beispiel Moritz‘ Durchdrehen kurz vor Schluss. So macht Multimedialität Spaß.

Alles in allem ist Gerald Gluths „Frühlingserwachen“ ein Stück, auf das man sich einlassen können – und wollen – muss. Nochmal fünfzehn sein ist nicht jedermanns Sache. In einem kichernden und giggelnden Theater sitzen auch nicht. In der Pause gibt es neben Gesprächen über den nackten Melchior für wenig Geld Cola oder Bier, für die älteren und kühneren. Das aber besser wenn die Lehrerin es nicht sieht. Zum Rauchen geht man auch lieber um die Ecke.

Liebe, Sex und Elternzoff – was Neues erzählt das Stück nicht. Aber vielleicht schenkt es ja einige Momente Nostalgie!

Kommentar

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