Die Trägheit
27.06.2010 19:30h
Merkwürdige Dinge gehen vor sich an dem Tag, als Kleinmann entlassen wird. Er ist plötzlich grau im Gesicht, sein Chef springt aus dem Fenster, Irma bietet ihm Kuchen mit zu viel Puderzucker, Schinkenbrote und ihre Liebe an. Der Künstler Bumbke zeigt ihm sein wildes Leben mit fliegenden Schweinen, Mo, Po und Prostatakrebs. Aber geschieht das alles nur an einem Tag oder in Endlosschleife? Die Figuren in Lukas Linders Stück sind orientierungslos, einsam und sehr, sehr traurig. Sie verhalten sich wie alle Körper nach den Regeln der Trägheit: Solange keine Kraft auf sie einwirkt, bleiben sie unbewegt. Nur, dass sie im Gegensatz zu anderer Materie ein dumpfes Bewusstsein darüber haben. Kann Irma noch in den Urlaub fahren, wenn sie gar nicht mehr arbeitet? Wie können sie und Kleinmann heiraten wollen, wenn sie noch nicht mal mehr in den Urlaub fahren wollen können?
Lukas Linder ist Preisträger des Autorenlabors 2008/09. Mit feinem, humorvollen Blick und den Mitteln der Groteske macht der junge Schweitzer Autor die Absurdität der Welt erfahrbar.
Quelle: http://www.duesseldorfer-schauspielhaus.de/
Rezension
Geschrieben von:
Antonia Alessia Virginia Beeskow
„JETZT WIRD GEBUMST!“, schreit der prostatakranke Künstler Bumbke und steckt dem transvestitenartigen, blonden Gift Po ein Baguette in den „Popo“. Das bedeutet Analsex.
Aus dem Fenster blickend können Bumbke, Po, Mo und der ewige Verlierer Kleinmann im Haus auf der anderen Straßenseite die heulende Irma, die durch ein Fernglas hinüber schaut, sehen. Kleinmann wird unter Schreien gezwungen, Po doch „jetzt endlich in den Arsch zu ficken“. Yeah, bums, rums, bums, bums! Ficken und gefickt werden – das ist für mich die Quintessenz des Abends der „Trägheit“ im Düsseldorfer Schauspielhaus. Oder ... etwa nicht?!
Eigentlich klingt die Story des letztjährigen Gewinners des Düsseldorfer Autorenlabors, Lukas Linder, sehr lustig: Kleinmann, von einem Tag zum anderen ergraut, wird wie die süße Sekretärin Irma „mit den großen, roten Ohrringen“ von dem Chef gefeuert, da die Firma bankrott gegangen ist. Mit der Welt nichts Richtiges anzufangen zu wissen – mit sich aber schon – gehen die beiden zu Irma nach Hause und verbringen einige, puderzuckrige Stunden miteinander. Kleinmann, der schon immer etwas in Irma verknallt war, will ihr Leben in die Hand nehmen und begibt sich auf Jobsuche. Strandet jedoch in der nächsten Kneipe („Oh, das sieht aber lecker aus, guten Appetit der Herr“ – „Quatsch mir nicht ins Essen rein!“), zusammen mit dem todkranken, fliegende Schweine malenden Künstler Bumbke, der Kleinmann nach ein paar Bieren mit in seine Wohnung zu seinen zwei Sexsklavinnen Mo und Po nimmt. Das Bier wird von einem fliegenden Schwein serviert. Alles geht schief.
Das Gesetz der Trägheit besagt, dass ein Gegenstand solange in seinem trägen Zustand, ob in Bewegung oder Ruhe, verharrt, bis er durch eine Ursache/Einwirkung von Außen in eine andere Richtung gelenkt wird. „Alles ist träge“, erklärt Kleinmanns Chef, „greift man wo hin, greift man ins Leere, ins Nichts“. Originellerweise befinden sich die Protagonisten auf einer „schiefen Ebene“ (Physik lässt grüßen!), auf der vom Chef (Kaffeesüchtiger) vollgepinkelte Colaflaschen ins Rollen geraten. Er hat Angst, an der schrecklichen Irma vorbei zur Toilette gehen zu müssen. Alles wird in Aufruhr und Panik versetzt, wenn das nölende Telefon klingelt.
Die Figuren selbst sind träge Gegenstände und müssen sich mehr oder weniger selbst oder gegenseitig helfen, aus ihrem trägen Zustand zu entkommen. In Bewegung geraten, lebendig werden oder wie der Chef aus dem Fenster springen und auf einer Frau landen. Mit riesigen Pappköpfen bekleidet, die sie wie Puppen oder Marionetten aussehen lassen, wanken und stolpern die Schauspieler über die Bühne. Durch Zwinkern mit den überdimensionalen Augenlidern und große Gesten verleihen sie ihren Aussagen Ausdruck und verwandeln sie in groteske, verzerrte Anschauungen über den Alltag(shorror).
Ficken, Bumsen, ARSCH, BÖRTZ!
Ich weiß nicht, bin ich zu altmodisch für das Theater? Dem Arschfick-Jargon bin ich nun des Öfteren begegnet, nicht nur im Theater, auch durch Bücher wie „Feuchtgebiete“ und „Axolotl Roadkill“ werden Muschisaft und Co. langsam ins Vokabular eingegliedert. Ich bin ein leidenschaftlicher Flucher, doch was durch seine „What the fuck“-Art (Bücher) so manches, verwirrte Grinsen heraufbeschwört, lässt mich nach einer Viertelstunde der Dauerbekotzung ein wenig die Stirn runzeln (Theater). Die prollige Art der Irma war ja doch ganz niedlich und ist meiner Meinung nach auch recht wahrheitsgetreu, wo doch heutzutage ein bisschen „Fotze“ hier, ein bisschen „Arschloch“ da zum „charmanten Umgang“ dazugehört. Aber diese Zuspitzung der derben Redensart fand ich etwas zu viel, affektiert und vor allem gewollt. Um jung zu klingen, muss man nicht immer das böse Wort benutzen. Manchmal ist weniger mehr, was auch der schnuckelige Puderzucker-Himalaya-Kuchen suggerierte.
Kommentar
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