Abwärtsbunker
24.02.2010 20:00h
Superhelden. Übermenschen. Unmenschen. Menschenähnliche. Gerechtigkeitsquader. Sie alle tummeln sich im Gefängnis Abwärtsbunker, das mitten im Folterkomplex liegt. Im »Abwärtsbunker« wird jeder Gefangene von Tag zu Tag ein Stockwerk tiefer verlegt. Damit spart sich der Gefangene das Zählen der Tage, da die Nummer des Untergeschosses die genaue Aufenthaltszeit in Tagen anzeigt. Keiner kommt hier jemals wieder raus. Nicht einmal tot. Wer tot ist, hilft in der Küche mit.
Der Superheld Dunkelziffer wird verhaftet und mit dem stets deprimierten K. und dem Sprücheklopfer Karl Klebebart zusammengesperrt. Sie steigen immer weiter in die Tiefen des Abwärtsbunkers ab und schmieden Fluchtpläne für die 57. Etage, wo es einer Legende zufolge einen angefangenen Fluchttunnel geben soll. Aber ob etwas dran ist an solch einer Legende, oder ob es gemäß einer anderen Legende eine unendliche Kiste gibt und welche Vorzüge diese nicht nur für Sammler sondern auch für Bürokraten hätte, sowie alles Wissenswerte über den großartigen Folterer und Innenminister Schmidt wird dieses Schwarz-weiß Bühnencomic von half past selber schuld nahezu lückenlos mit schräger Live-Musik, Puppen-, Schau-, Kulissen- und Schattenspiel und in fesselnder Gefängnisatmosphäre veranschaulichen.
Quelle: http://www.forum-freies-theater.de/
Bildnachweis: Krischan Ahlborn
Rezension
Geschrieben von:
Katja Panyutina
Die Möglichkeiten des Theaters sind scheinbar grenzenlos. Einen Comic auf die Bühne bringen? Kein Problem! Half Past Selber Schuld liefern in ihrem Stück ein Spektakel für's Auge. Geniale schwarz-weiß-Optik, Perspektivenwechsel, skurrile Figuren, eine Mischung aus echten Schauspielern, toll gemachten Puppen und Schattenspielen, Kulissen im Comicstil, und vieles mehr. Schwer, alle Ideen und Ausgefeiltheiten aufzuzählen, die in „Abwärtsbunker“ präsentiert werden. Und das alles in erster Linie durch menschliche Kraft und Geschicklichkeit.
Wie sonst sollen Rauchwölkchen aus Pappe ihren Weg von der Pappzigarre zum Gesicht des Gegenübers finden? Oder kleine knuffige Gestalten mit Rüssel zum Leben erweckt werden? Die meisten solcher Dinge werden ganz nach Schwarzlichttheater-Manier durch dunkel gekleidete Personen gesteuert. So gehen z.B. die Schauspieler auf einer Stelle, während hinter ihnen die Gefängniszellen „vorbeiziehen“. In einer anderen Szene bekommen die Zuschauer eine Operation zu sehen, wobei die Perspektive so gedreht wird, dass man von oben auf den OP-Tisch und die Ärzte zu schauen scheint – und das nicht im Film, sondern auf der Bühne! Dabei sind die Kulissen und Requisiten, ebenso wie die Figuren selbst, größtenteils comichaft schwarz-weiß bemalt, abgesehen von bunten Farbtupfern, wie einem roten Herzen oder bunten blinkenden Augenbrauen. Vor dem Hintergrund einer dunklen Bühne entsteht so ein optisches und technisches Meisterwerk.
Eher problematisch gestaltet sich dagegen die Handlung. Das Stück wird kapitelweise erzählt und beginnt sehr ruhig und gemächlich, was sich aber bis zum abrupten Ende nicht wirklich verändert. Die gute Idee, die Gefangenen auf ihrem Weg nach unten auf vielen einzelnen Etagen zu begleiten, hat in der Umsetzung einige Schwierigkeiten. Die Etagen haben alle unterschiedliche Methoden, die Insassen zu demotivieren. Dazu gehören z.B. körperlicher und psychischer Terror. Allerdings hat man nicht das Gefühl, bei den Figuren nach Durchlauf der Etagen Veränderungen zu bemerken. Und hier liegt das Problem: Zu keiner der Figuren baut sich ein wirkliches Verhältnis auf, weil sie einfach zu oberflächlich sind. Sowohl der halb-menschliche Superheld Dunkelziffer, als auch der Kafka lesende, depressive K. und der selbstverliebte Karl Klebebart sind im Ansatz lustige Charaktere, bleiben aber sehr flach. Dass sie zum Ende hin zunehmend durch kleine Gummifiguren, Schattenspiele oder grafische Männchen ersetzt werden, macht die Identifikation umso schwieriger.
Ebenso sind die aufgegriffenen Themen wie totalitäre Regimes, Bürokratie und sinnlose Folter leider nur geringfügig behandelt. Das – genau wie das Problem mit den Figuren – liegt an dem Versuch, so viele optische Reize und Ideen wie möglich in das Stück zu packen. So sind Erklärungen und neu auftauchende Dinge oft aus dem Zusammenhang gerissen, was zwar absolut zum Comiccharakter dazugehört und auch für Lacher sorgt. Aber immer wieder leidet die Handlung und vor allem die Spannung darunter, diese Ideen alle unter einen Hut bringen zu wollen.
Nichtsdestotrotz bietet der Abwärtsbunker sehr viele skurrile und lustige Momente, die vor allem durch Nebenfiguren entstehen, wie den Gefängniswärter – einen Automaten mit monotoner weiblicher Roboterstimme, oder einen Roboter, der sich über seinen eigenen Witz buchstäblich „kaputt lacht“. Toll ist aber auch die Live-Musik, die mal im Hintergrund für Atmosphäre sorgt oder die Kapitel durch ganze Songs miteinander verbindet. Und eines ist „Abwärtsbunker“ auf jeden Fall: eine optische Inspiration.
Kommentar
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