Die Glasmenagerie
22.01.2010 20:00h
Wie ungelebte Träume eine Familie zerstören
Amanda Wingfield hat alle Hände voll zu tun, ihren beiden erwachsenen Kindern, mit denen sie in einer winzigen Wohnung zusammenlebt, eine Lebensperspektive zu eröffnen.
Tom träumt von einer Existenz als Schriftsteller, muss aber in einer Lagerhalle das Familienbudget erarbeiten und flüchtet sich jede Nacht ins Kino. Laura leidet unter ihrem verkrüppelten Bein und hat sich voll und ganz in die Ersatzwelt ihrer Glastierchensammlung eingesponnen. Dabei möchte Amanda mit aller Kraft einen Bräutigam für Laura finden. Sie selbst schwelgt in Erinnerungen an alte, glamouröse Zeiten in den blauen Bergen, als die Verehrer bei ihr Schlange standen.
Nach langem Drängen der Mutter bringt Tom seinen Arbeitskollegen Jim O'Connor mit nach Hause. Und tatsächlich ist Laura sofort entflammt für Jim. Sie erkennt in ihm einen früheren Mitschüler, in den sie heimlichverliebt war. Der Abend nimmt für alle einen dramatischen Verlauf...
Quelle und Bildnachweis: http://www.rlt-neuss.de/
Bild: © Björn Hickmann/Stage Picture Hergard Engert, Stefan Schleue, Christiane Nothofer
Rezension
Geschrieben von:
Antonia Alessia Virginia Beeskow
Als Kind hat man uns manchmal klitzekleine Glasfiguren geschenkt. Das waren meist Autos, Zirkusartisten oder wilde Tiere. Die glitzerten im Licht, sahen süß aus und man konnte mit ihnen in Traumwelten eintauchen. Doch Vorsicht! Glasfiguren sind zerbrechlich, wir mussten sie zärtlich anfassen und dabei aufpassen, weil sie doch etwas ganz besonderes, wertvolles waren.
So ein Glastierchen ist auch Laura Wingfield. Ihr liebstes Tierchen ist das Einhorn, das in seiner Unschuld und Schüchternheit, symbolisch für Lauras Persönlichkeit steht. Laura ist die Schwester von Tom Wingfield, der dem Zuschauer von seinem „Spiel der Erinnerungen“ erzählt, in der Zeit in St. Louis bei seiner Schwester und der Mutter Amanda. Sie alle leben in ihrer ganz eigenen Welt, die außerhalb der Normalität existiert. Amanda und die Kinder wurden von dem Vater mit den Worten „Hallo. Lebt Wohl!“ auf einer Postkarte verlassen, seitdem schwärmt die selbstsüchtige Mutter mit den Geschichten von alten Verehrern aus den Blauen Bergen. Tom will um jeden Preis Schriftsteller werden, fristet jedoch sein Dasein in einer Schuhfabrik und verbringt die Nächte in Kinos und Bars mit all den Abenteuern, Leinwandhelden und Alkohol. Und Laura lebt ... irgendwo. Sie ist zu ängstlich, um in die Schule zu gehen und – in ihren stillen, einsamen Momenten – damit beschäftigt, ihre Glasmenagerie, die Sammlung der Glastierchen, zu betrachten und zu bewundern.
Deswegen hat Amanda beschlossen, sie an den Mann zu bringen. Eines Tages muss Tom seinen Arbeitskollegen Jim O'Connor zum Abendessen mitnehmen. Es stellt sich heraus, dass dieser Lauras vergebliche Jugendliebe ist. Langsam, doch zaghaft kommen die zwei sehr verschiedenen jungen Menschen – Jim belegt einen Kurs für Rhetorik und studiert Radiotechnik an der Abendschule – sich näher: Er ermutigt sie zu mehr Selbstbewusstsein, Laura vertraut sich ihm an.
Für einen kurzen Moment liegt ein Hauch von Zärtlichkeit in der Luft, das ungleiche Paar küsst sich, scheu, man hört Musik aus dem Tanzlokal gegenüber, die Sonne kommt heraus. Aber Jim ist bereits verlobt, völlig beschämt lässt er die Gastgeber und einen Haufen Scherben zurück: Bei einer wilden Tanzeinlage ist dem Glaseinhorn das Horn abgebrochen. „Jetzt ist es wie alle anderen Pferde. Jetzt wird es sich wohler unter den anderen fühlen“, glaubt Laura. Doch, nachdem Jim das Haus verlassen hat, gibt Amanda Tom die Schuld an dem Debakel, er flüchtet und lässt seine Schwester, in tiefe Depressionen gefallen, zurück.
Das Familiendrama von Tennessee Williams pendelt zwischen Illusion und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit. Gleich zu Beginn stellt Tom klar, dass die einzig normale Person in diesem Erinnerungsspiel der im zweiten Akt auftretende Jim O'Connor ist. Auch er ist, wie Mutter und Schwester, der Erinnerung entsprungen, überdreht, irreal. Die Probleme sind doch ganz bekannt: Die mauerblümchenhafte Tochter muss einen Mann finden, der Sohn will seine Träume zur Wirklichkeit umkehren, die Mutter steckt in einer Art „Midlife Crisis“. Die Familie ist geprägt von Enttäuschungen, Streitereien, Geschrei und Gewalt. Tom ist Erzähler und Mitwirkender zugleich. Es werden Stimmungen, Emotionen laut ausgesprochen, ausgelebt und unterdrückt. Der Zuschauer durchlebt die Gefühle der drei; kennt doch eigentlich jeder, was sie durchmachen.
Die gesamte Handlung findet in einem kleinen, zu allen Seiten offenen Zimmer, statt. Die Protagonisten stehen seelisch-nackt da. Einen Bruch dieser verstörenden Szenerie bietet Jim O'Connor, der James Dean-Verschnitt, der das einzige Bindeglied zur Realität darstellt, sind die Restlichen doch in ihren Traumwelten gefangen.
Auch wenn das Stück von den bizarren Figuren lebt, kam mir die Überdrehtheit mancher Personen nicht echt vor. Sicher, sie sollten verfremdet werden, aber spätestens an der Stelle, als Tom und Jim an der Türe klingelten, war mir dieses ewig keusch-schüchterne Getue der Laura zu viel! Natürlich ist sie über die Maßen schüchtern, aber auf Teufel komm raus! „Ich bin ja soooo zerbrechlich und lebe in meiner eigenen Welt!“ zu spielen, war mir nach einiger Zeit zu dämlich ... und nicht mehr ehrlich. Auch wenn die Person bis zur Verstümmelung verfremdet werden sollte, sie sollte doch noch sie selbst sein. Lauras Wesen ist eher scheu und menschenfremd. Diese Angst vor Menschen, mit der Laura hier dargestellt wurde, war jedoch mehr aufdringlich und albern.
Ganz anders die Mutter, die mir besonders gut gefiel: Sie ist ein Egomane, mit falschem Lächeln und sich ewig in Szene setzend. Und so wurde sie auch gespielt: Ein alter Drache in Gestalt einer alternden Marilyn Monroe. Ebenso Jim O'Connor, die James Dean-Kopie. Er mimt einen schmierigen, aufreißerischen Kerl mit zarter Seite. Spätestens als er sich zu Laura legte, musste ich an „denn sie wissen nicht, was sie tun“ denken. Haha!
Was Laura zu viel hatte, hatte Tom zu wenig. Ab und zu kam mir seine Rebellion gegen die autoritäre Mutter eher wie Teenie-Gequängel vor, doch andererseits hätte er auch nicht anders gespielt werden dürfen. Tom hat so eine Wut aufgebaut, auf seine Mutter, sich, seine Umgebung, er will allem entfliehen, endlich leben, seine eigenen Abenteuer und nicht mehr nur anderen dabei zuschauen. Seine verzweifelte Lösung ist, der Vergangenheit den Rücken zu kehren und seine lebensunfähige Schwester im Stich zu lassen. Er wird immer weiterlaufen, doch ihr Gesicht im Kerzenlicht wird er niemals vergessen.
Kommentar
Um einen Kommentar zu hinterlassen musst Du eingeloggt sein