Les Paladins
14.02.2010 15:00h
Ein liebestoller Alter begehrt seine junge schöne Ziehtochter, die sich jedoch zu einem gleichaltrigen Liebhaber hingezogen fühlt. Auf diese simple Formel könnte man die verwickelte Handlung von Jean-Philippe Rameaus spätem musikalischen Bühnenwerk „Les Paladins“ reduzieren. So wäre immerhin herausgestellt, dass die Geschichte um die Prinzessin Argie und ihren Herzensritter Atis nicht allein auf den großen französischen Dichter La Fontaine zurückgeht, sondern sich auch aus dem Reservoire der italienischen commedia dell’arte bediente. Tatsächlich zeigte Rameau mit dieser 1760 im Palais Royal uraufgeführten Ballettkomödie eine Affinität zur italienischen Operntradition und gab damit dem seit 1752 in Frankreich schwelenden Buffonistenstreit neue Nahrung. Die Frage, ob der neuen italienischen opera buffa oder der traditionellen französischen tragédie lyrique der Vorzug zu geben sei, war mehr als eine Kontroverse unter Opernkennern. Sie polarisierte Hof und Gesellschaft und war der Markstein,an dem sich nationale Gesinnung und politische Loyalität maßen. Rameau wurde dabei von den französischen Traditionalisten vereinnahmt, ungeachtet der Kritiker, die dem Komponisten vorwarfen, das maßgebende Opernerbe Jean-Baptiste Lullys, des berühmten Hofkomponisten Ludwigs XIV., zu missachten und sich zu viele musikalische Extravaganzen zu erlauben. Rameau bezog dazu keine Stellung, sondern setzte sich mit „Les Paladins“ bewusst zwischen alle Stühle. Er ließ sich von der italienischen Musik inspirieren, ohne die wichtigen Parameter der französischen Oper zu vernachlässigen. Das „Wunderbare“ der Handlung, die konstitutive Funktion des Balletts sowie das verschwenderische Ausmaß des szenischen Aufwands entsprachen ganz dem französischen Geschmack. So muss sich das Liebespaar Argie und Atis auf der Flucht vor dem rachsüchtigen Anselme nicht nur mehrfach verkleiden und die wundersame Hilfe der Fee Manto in Anspruch nehmen, sondern gerät aus seinem ritterlichen Palast unvermittelt in einen chinesischen Zaubergarten. Dort sorgen allerlei phantastische und groteske Gestalten dafür, dass sich die Liebesverirrungen in einem alle zufriedenstellenden Happyend auflösen.
Dass sich solche Paradebeispiele barocker Fabulier- und Parodiekunst dem heutigen Opernpublikum durchaus unterhaltsam servieren lassen, hat nicht nur die seit Jahrzehnten anhaltende Händel-Renaissance gezeigt. Auch Jean-Philippe Rameau ist kein Geheimtipp mehr, wurde doch das exquisite Niveau seiner Musik von Barockspezialisten wie Marc Minkowski u. a. längst wieder entdeckt. Die Deutsche Oper am Rhein beginnt mit „Les Paladins“ ihre Rameau-Erkundung und lässt sich dabei von der Vitalität seiner Musik und dem spektakulären Flair seiner Bühnenszenerien leiten.
Für die Inszenierung konnte Arila Siegert gewonnen werden. Sie kommt vom Tanz und der Choreographie, studierte bei Gret Palucca, assistierte Ruth Berghaus und hat in den letzten zehn Jahren vor allem im Musiktheater gearbeitet.
Quelle/Bildnachweis: www.rheinoper.de
Rezension
Geschrieben von:
Klara Schneider
Den Inhalt von "Les Paladins" kann ich für diese Rezension getrost vernachlässigen – es gibt keinen. Das Wenige an Handlung liegt spannungstechnisch gesehen dann auch noch so unpraktisch, dass man gar nicht auf die Idee kommt mitzufiebern. Was dem Stück an Substanz fehlt, wird allerdings durch die vielen bunten Kostüme und wirren Tanzchoreografien ausgeglichen. Am Schluss fühlt man sich an das Happy End so mancher Disney-Tanz-Komödie erinnert, wenn endlich der heiß ersehnte Auftritt gekommen ist und alle verliebt und glücklich über die Bühne hampeln.
Der Künstler, dessen "Live-Gemälde" per Overheadprojektor nach vorne projeziert werden und so zum Bühnenbild werden, stellt da gewissermaßen die Krönung der Ausstaffierung dar und schafft es tatsächlich beim Publikum Emotionen zu wecken. (Sei es durch düstere Farben und schwarze Gitternetze oder aber durch gut gebaute und sichtlich erfreute männliche Figuren.) Mehr Schein als Sein – dieser Spruch wird hier eindeutig auf die Spitze getrieben. Wer sich daran nicht stört, der wird zwei Stunden lang sowohl visuell als auch akustisch bestens unterhalten.
Kommentar
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